Thomas Mickeleit

Direktor Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Microsoft Deutschland GmbH

Wie die meisten Berliner bin ich nicht dort gebürtig. Als 11jähriger verschlug es mich mit meinen Eltern vom Rhein (Leverkusen) an die Spree. Meine Schullaufbahn ...
Alle Jahre wieder wird vor und vor allem während der CeBIT die Diskussion um die Positionierung der weltgrößten IT Messe, der CeBIT, geführt. So heute in der FAZ. Hauptsächlich wird argumentiert, dass die CeBIT sich doch auf den Business-Kunden konzentrieren solle, weil es für die Konsumenten ja bereits die IFA in Berlin gebe. Diese Argumentation ist inhaltlich und kommunikativ Unfug. Tatsache ist, dass Digital Lifestyle und Digital Workstyle zusammen wachsen und die Unterhaltungselektronik technologisch Bestandteil der ITK-Industrie geworden ist. Jeder Computer (ob Desktop, Laptop, Netbook oder mobiles Telefon) sind heute Verkörperungen dieser zusammen gewachsenen Welten. Offensichtlich macht es keinen Sinn, für Themen, die mehr und mehr Schnittmengen haben, getrennte Messekonzepte zu fahren. Genauso bedeutend sind die kommunikativen Aspekte dabei. Kein CeBIT-Besucher und sei er CIO gibt am Messe-Drehkreuz seine privaten Interessen und menschliche Neugier ab. Das erklärt, warum selbst zu 100% auf Geschäftskunden ausgerichtete Unternehmen auf ihren Messeständen gerne Rennwagen, Flugzeug oder andere Eyecatcher einsetzen. Neben der Ansprache der Besucher erfüllt die CeBIT ihre kommunikative Aufgabe aber über die Medien. Knapp 5.000 akkreditierte Medienverteter sind eine Ansage. Ohne eine inhaltliche Ausrichtung auch auf den Consumer keine breite Medienberichterstattung. Ohne breite Medienberichterstattung kein Interesse der Politik. Ohne Politik und Celebrities keine Medien...Die kommunikative Todesspirale beginnt. Wir haben die weltgrößte IT-Messe im Land und meine US amerikanischen Kollegen sind immer wieder überrascht, dass Superlativen kein Privileg der USA sind. Wir wären mit dem Klammerbeutel gepudert, aus übersehenen Zusammenhängen die Bedeutung der Messe anzukratzen.


Jetzt musste doch erst noch ein Wochenende her, um einige Anmerkungen zu den Audio-Visual-Media-Days zu machen. Achim Beisswenger, der ehemalige Marketing-Mann von Bavaria Interactive hatte dazu Anwender und Produzenten geladen. Und von Bernd Kolb bis Nicolai Behr waren Vordenker und Protagonisten von Bewegtbild im Netz zusammen gekommen: http://amd-conference.com.
Web-TV oder IPTV sind Modethemen und die Zahl der Konferenzen, die damit werben, sind kaum noch zu übersehen. Ein Auslöser ist sicher der Trend, dass traditionelle Medien ihr Heil im Netz und da im Bewegtbild suchen. Mir geht es um eine andere Sicht auf das gleiche Thema, wie nämlich die Unternehmenskommunikation darauf reagiert. Mit der Formulierung ist das Problem schon beschrieben. Die Unternehmen sind in ihrer Gesamtheit betrachtet - was das Thema Bewegtbild angeht - aus der Lokomotive in den Schlafwagen durchgereicht worden. Während bis vor einigen Jahren große Unternehmen wir die Deutsche Bank, Daimler oder IBM mit Unternehmensfernsehen experimentierten und erstaunliche kulturelle Durchbrüche bewerkstelligten, ist die Experimentierfreudigkeit zum Stillstand gekommen. Eine umfassende Bestandsaufnahme von Corporate TV in Unternehmen wird gerade am Lehrstuhl Zerfaß in Leipzig betrieben. Aber schon eine summarische Betrachtung zeigt: Sofern Fernsehen überhaupt gemacht wird, wird fleissig dem gelernten Schema von Fernsehen "in öffentlich-rechtlicher Dimension" gefolgt. Ein möglichst aufwendig produziertes "Programm" wird in einen "Kanal" gestellt, der Internet oder Intranet heisst. Das erinnert an die frühen Intranets, als überforderte Redakteure von Mitarbeiter-Zeitungen ihre Doppelseiten ins Netz stellten und die Medieneigenschaften des neuen Mediums Internet ignorierten. Der Fehler findet seine Fortsetzung bei dem Versuch, die Medieneigeschaften von traditionellem Fernsehen ins Internet zu übertragen. Das Intra-/Internet ist aber kein neuer Kanal für Fernsehen, es ist ein neues Medium, für das neue Spielregeln gelten. Für das "Programm" bedeutet das: Es gibt keinen Programmdirektor. Programmdirektoren sind die Nutzer, die sich nach ihren Interessen organisieren und relevante Inhalte über ihre Bewertungen klassifizizieren. Wer eine Idee bekommen will, wie Fernsehen in diesem Sinne organisiert sein könnte, schau mal in diese Beta für MSN Next Video rein. http://eivie.video.msn.de


Die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sender gerieren sich in der aktuellen Debatte um die Ausweitung ihrer Internetaktivitäten als Opfer. Der verlangte "Sendebezug" wird dann schon mal zum "Morgenthau-Plan". Mir kommen die Tränen. Die öffentlich-rechtlichen Sender gehören einfach abgeschafft. Ihre historische Legitimation haben sie mit der Digitalisierung verloren. Terrestrische Frequenzen waren in der Entstehungszeit des Rundfunks knapp und damit regulierungsbedürftig. Heute stehen durch zusätzliche Frequenzbereiche und Digitaltechnik und durch das Internet nahezu unbeschränkt Verbreitungskanäle zur Verfügung. Niemand benötigt mehr eine Regulierung. Was mal als Garant für Meinungsvielfalt im Rundfunk gedacht war, ist inzwischen in ihr Gegenteil verkehrt. Millionen von Besitzern von Rundfunkempfängern (in welcher Erscheinungsform sie heute auch daher kommen - die CNC Drehmaschine mit Internetzugang?) werden zur Kasse gebeten, um Opfer allgemeiner Volksverblödung zu werden. Für jedes noch so dämliche Format, das im privaten Rundfunk Zuschauer findet, gibt es eine nicht weniger dämliche Replik. Perfide dabei ist dabei dann die Strategie sich damit auch noch ins Web auszuweiten - nicht ohne dabei noch Gebühren von denjenigen zu verlangen, die auch dort alles andere als das Bedürfnis haben, sich die Rentnersender (Durchschnittsalter der ZDF-Zuschauer: 60) reinzuziehen. Da Brüssel dem Treiben bedauernswerter Weise rechtlich nicht den Garaus machen konnte, gilt es, jetzt das Schlimmste zu verhindern. Beschränkung der Gebührenanteile, die für die Internetauftritte eingesetzt werden dürfen. Strikter, restriktiv ausgelegter Sendebezug und Massenmobilisierung gegen die weitere hemmungslose Gebührentreiberei.


In der völligen Scheinwelt des nachgebauten Markusplatz im Hotel Venetian in Las Vegas kommt die Agenturmeldung auf meinen PDA - Time Warner unterstützt nur noch Blue-Ray und nicht mehr HD-DVD als Nachfolgeformat der DVD. Einen Tag vor Beginn der CES in Las Vegas eine schöne Nachricht für die Medien, die noch ein wenig ratlos nach den großen Themen der Consumer Electronic Show unterwegs sind. So darf man schon jetzt prognostizieren, dass noch mal der gesamte Bogen gespannt wird, welche Unterstützer in welchem Lager mit welchen Waffen bereit stehen. Auch der unvermeidliche Hinweis auf den alten Formatkrieg zwischen Video 2000, Betamax und VHS wird nicht fehlen. Dabei wird sich schon sehr bald herausstellen, dass auch die aktuelle Schlacht eine von gestern ist. Das Moorsche Gesetz bezieht sich nicht nur auf Prozessorgeschwindigkeiten, sondern in einem noch höheren Faktor auf Speicherkapazitäten (100) und Übertragungsbandbreiten (1000). Digitale Inhalte (also vor allem Bewegtbild) liegen im Internet und kommen über VDSL Leitungen nach Hause. Die Set-Top Box, die auch eine X-Box sein kann bzw. der PC ist selbst oder in Verbindung mit einem Fernsehgerät die Ausgabeeinheit. Für kleine Silberlinge - und haben sie noch so hohe Speicherkapazitäten - gibt es allenfalls noch in einer Übergangszeit Bedarf. Ein Medium, auf das digitale Inhalte von der Festplatte des Rechners oder Home Servers ausgelagert werden müssen, braucht es mit anderen Worten nicht mehr.


Am Wochenende hat der Bombardier-Kommunikations-Direktor und Autor Frank Martin Hein in seinem grozügigen Loft in der Berliner Torstr. die Salon-Tradition im besten Sinne wieder belebt. Und nicht nur das. Sein Verdienst ist, ein Buch herausgegeben zu haben, dass auf die aktuellen Diskussionen in unserer Profession erheblichen Einfluss haben dürfte. In dem Harry-Potter-dicken Band mit 609 Seiten beschreiben Kommunikatoren aus sehr unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungshintergründen den Einfluss der elektronischen Unternehmenskommunikation auf die Kultur eines Unternehmens.