ZDF


Daniel Krolzig kommentierte hier letzten Montag zu Recht: Marcel Reich-Ranickis Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis ist in der Tat ein Lehrstück für Kommunikationsprofis. Ob geplant oder spontan - seine wie immer äußerst unterhaltsame Wortäußerung, je nach Blickwinkel zwischen überzogener Rundumattacke und verzweifelt bis verärgertem Hilfeschrei angesiedelt, hat nicht nur für Salz in der faden Eventsuppe der Preisverleihung gesorgt sondern auch für wundersame und wunderbare Reaktionen. Die Resonanz auf seine kritische Polemik zeigt drastisch wie unfähig die Medienprofis der Fernsehwelt samt ihrer omnipräsenten Mitläufer (B- & C-Promis, Comedians & weitere "Clowns" ...) sind, sich inhaltlich mit dem strapazierfähigen Begriff Qualität auseinanderzusetzen und eigene Positionen mit validen Argumenten zu kommunizieren.

Thomas Gottschalks routinierter Einsatz als reaktionsschneller Gala-Moderator bescherte uns in Rekordzeit den öffentlich-rechtlichen Versuch "aus gegebenem Anlass" Marcel Reich-Ranicki eine Brücke zu bauen, in die heile Fernsehfamilie (der er nicht zuletzt seine Prominenz über das Feuilleton hinaus verdankt) zurückzukehren. Die am Freitag gesendete Aufzeichnung der Diskussion zwischen Ranicki und Gottschalk brachte zwar in der Sache keine neuen Erkenntnisse (außer dass MRR anscheinend Fernsehköche genauso überflüssig findet wie Comedians: "Das Kochen. Oh Gott, Oh Gott!"), zeigte aber deutlich dass Gottschalk für die selbst eingebrockte Aufgabe des Chef-PR-Vertreters des ZDFs trotz sichtlicher Vorbereitung und trotz dem Sicherheitspuffer einer Aufzeichnung mehr als ungeeignet ist. Eine der wichtigsten Grundsätze der PR -die "Glaubwürdigkeit"- blieb durchgehend auf der Strecke als Gottschalk immer wieder das Diktat der Quote beschwörte und versuchte einen Qualitätsgraben zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendern so tief zu ziehen als ob er im fernen Amerika die krampfhaften Versuche von ARD & ZDF nicht mitbekommen hat, "privater" als die Privaten zu werden.

Während auch Marcel Reich-Ranicki nicht in der Laune oder Lage war seine Pauschalkritik zu differenzieren so sei es ihm aber gedankt, dass er der Versuchung Gottschalks widerstanden hat den aus seiner Sicht erbärmlich schlechten Fernsehbetrieb in das Lager der "Guten" (gebührenfinanziertes, öffentlich-rechtliches Qualitätsfernehen wie "Das Musikhotel am Wolfgangsee", "Waldis WM-Club", "Rosamunde Pilcher" oder "Wege zum Glück", Volksmusik & Co. etc.) und der "Bösen" (werbefinanzierte Kulturbeiträge von "Dschungel-Show" über "DSDS" bis hin zu "Schlag den Raab", "Frauen-Tausch" und Comedy, Comedy, Comedy...) einzuteilen. Gut so, denn die Zeiten sind längst vorbei. Qualität ist so jedenfalls nicht definierbar. Gottschalk weiß das natürlich, argumentiert aber genauso oberflächlich wie manche der gescholtenen Intendanten.

"Ich nehme diesen Preis nicht an!". Besser hätte man eine Diskussion über den "TV-Schwachsinn" nicht platzieren können. Aus PR-Gesichtspunkten fast schon ein Wunder, dass Ranicki nicht pünktlich zur Buchmesse ein entsprechendes Druckwerk veröffentlicht hat. Das Timing hätte perfekt gepasst. Nein, sein Unmut hat sich wohl wirklich während der stundenlangen Aufzeichnung der Fernsehpreis-Gala stetig gesteigert. Während in den ersten Reaktionen noch viele relevante oder irrevelante Kommentatoren Solidarität mit MMR zeigten, wird nun die Kritik lauter. Im Spiegel kritisieren nun immer mehr Beteiligte das Ranicki als Meister der trivialen, telegenen Literaturkritik und Teil des TV-Establishments zu überheblich über etwas urteilt, dessen Teil er ist und das er augenscheinlich gar nicht richtig kenne. Gerhard Zeiler nennt Reich-Ranicki "irrelevant" und kritisiert das Fingerpointing von seiner WDR-Kollegin Monika Piel. RTL war letzte Woche bereits zweimal zur exklusiven Interview-Audienz bei Ranicki und mittlerweile hat von Veronika Ferres, über die um sich schlagende Elke Heidenreich bis hin zu Thea Gottschalk jeder seine Meinung in irgendeine Kamera posaunen können. Im Internet finden sich diverseste gekürzte, ungekürzte und wirklich ungekürzte Fassungen von MMRs Gala-Auftritt. Während auf der Diskussionsseite alle Parteien die Chance vertan haben ihre Positionen mit Argumenten und Fakten zu unterstützen so bleibt der eine -eingangs zitierte- Satz erhalten. Und da das gescholtene Fernsehen ja so schön berechenbar ist können wir schon jetzt davon ausgehen, dass bei allen Jahres-Rückblicken der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender dieser Ausschnitt nicht fehlen wird. Vielleicht macht Stefan Raab ja noch einen Hit daraus. Ein Satz genügt ihm ja bekanntlich dazu.

Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki konnten sich am Freitag zumindest darauf einigen, dass die vom ZDF ausgerichtete Gala nicht optimal gelungen war. Naja, Ranickis Wortwahl "es war schrecklich" trifft es wohl eher. Zu viel Clownerie auf der Bühne. Irgendwie ist gerade diese Gala eigentlich wirklich gut geeignet um die Diskussion etwas zu versachlichen. Diese Fernsehpreis-Gala zeigte das ganze Spektrum des deutschen Fernsehens mit seinen Highlights und seinem Schwachsinn in einer tausendmal gesehenen Inszenierung, die man ohne weiteres mit dem anstehenden "Deutschen Comedy-Preis" (Gleiches Studio, gleiche Comedians, gleiche ...) verwechseln könnte. Die Quoten- und Massentauglichkeit der TV-Übertragung ist sogar hier wichtiger als als die eigentliche Preisverleihung. Warum sollte es gerade beim Fernsehpreis auch anders sein, wenn Gottschalk behauptet dass die Quote auch im gebührenfinanzierten Programm alles bestimmt? Nun, das ist ja irgendwie der Kern des Problemes: Das Privatfernsehen hat uns viele echte Innovationen, mehr Vielfalt und in diesem Zuge je nach Sichtweise auch verdammt viel Schwachsinn gebracht. Hier regelt der Zuschauerzuspruch die Werbefinanzierung und damit die Programmierung. Und dennoch leisten sich auch RTL & Co. journalistische Inhalte und ab und zu Formate, die aus der boulevardesken Masse herausstechen. Im Kern ist aber der Zuschauergeschmack ein wichtiges Kriterium. Und da dieser nicht einheitlich ist, haben wir durchaus eine hohe Programmvielfalt. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben -etwas zugespitzt formuliert- nahezu reflexartig jedes innovative und auch jedes schlechte Format der Privaten kopiert und übertreiben dabei sowohl in dem Versuch in einem "Kessel Buntes" möglichst alle Geschmäcker und Zielgruppen abzudecken als auch in der fast noch stärkeren Quotenorientierung.

Die Gebührenfinanzierung von ARD, ZDF & Co. wurde ja früher immer mit einem "Programmauftrag" argumentiert, später mit dem Qualitätsargument gegen die neuen arg bunten Privatprogramme. Heute wird die Argumentation auf den Kopf gestellt: Da man ja von allen Zuschauern Gebühren erhielte müsste man auch für jeden dieser Gebührenzahler etwas bieten. Das wäre so, wie wenn steuerfinanzierte Theater- sowie Opern- und Konzerthäuser in Zukunft mit demselben Argument auf Comedy, Kabarett, Casting-Wettbewerbe und Volksmusik umsatteln würden. Die vielbeschworene journalistische Qualität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und seine Kultur- und Bildungsformate scheinen nicht für genug Rückrat in der Gebühren-Diskussion herzuhalten. Da alle Fernsehmacher Ihren Zuschauern generell eine Dauersucht nach Show, Talk, Soap und Comedy unterstellen und im Gegenzug Information und Kultur nur in verdaubaren Happen zugemutet werden kann, braucht sich keiner wundern wenn auch bei ARD & ZDF die nach wie vor vorhandenen Highlights in der Masse der austauschbaren Formate leicht untergehen. Statt immer mehr digitale Kanäle zu gründen wäre es für die öffentlich-rechtlichen Sender vielleicht wirklich eine gute Idee sich wieder ein echtes Qualitätsprofil (und damit eine echte zukunftssichere Position im Gebührenstreit) zuzulegen. Qualität bedeutet ja nicht automatisch dröges Bildungs- und Minderheitenfernsehen. Qualität heißt auch Innovation und Unverwechselbarkeit. Hier ist mehr Mut gefordert, zudem gerade solche Formate deutlich geringere Produktionskosten haben als teure Shows und überbezahlte Sportrechte.

Ein ganz pfiffiges Argument von Thomas Gottschalk hat Marcel Reich-Ranicki ins Leere laufen lassen: Den Vergleich mit der Buchbranche, die neben Qualitätsliteratur enorm viele überflüssige aber auflagenstarke Ratgeber etc. hervorbringt. Das seien keine Bücher, mit denen er sich beschäftigt sagt der zornige Kritiker. Ein solch selektiver Blick ließe aber auch unsere deutsche Fernsehlandschaft besser darstehen. Denn mit ein wenig Suche in der Sendervielfalt finden sich über alle Kanäle hinweg für jeden Anspruch genug Highlights und Programminhalte, die im internationalen Vergleich immer noch beglücken. Diese Suche wird aber erschwert durch das lautstarke, schrille Drumherum und die durchaus geschickten Versuche Zuschauer nicht für einen bestimmten Programmpunkt zu interessieren sondern an einen Sender zu gewöhnen und zu binden. Gottschalks Seitenhieb auf das Internet geht insofern auch ins Leere, denn zwischen Milliarden persönlich irrelevanter Seiten finden sich in Sekundenschnelle extrem relevante und hilfreiche Informationen. Ein non-linearer Programm-Zugriff ist insofern auch für das TV-on-demand der Zukunft reizvoll. Aber wenn wir ehrlich sind: Gerade die "Live"-Programmierung und die Vergänglichkeit des Gesendeten machen das Fernsehen so interessant. Und auch der Wutausbruch von Marcel-Reich Ranicki wäre "live" noch wirkungsvoller gewesen als die nachbearbeitete "live-on-tape" Aufzeichnung.

Zum guten Schluss: Atze Schröder mit Helge Schneider zu verwechseln kann passieren. Aus Ranickis Sicht dürfte das in der schrecklichen Warnehmung des monierten TV-Schwachsinns kaum einen Unterschied machen. Ebensowenig das Argument, dass viele TV-Clowns durchaus gebildet sein sollen. Können die halt gut verstecken. Auch die endlosen Fernsehköche, Talkmaster, Casting-Formate usw. dürfte Reich-Ranickis wohl eher ganzheitlich als für ihn unangenehm warnehmen. Die Forderung nach Shakespeare im Fernsehen ist aber schon sehr amüsant: Sowohl an MMR als auch an Gottschalk scheinen die zahlreichen hervorragenden Shakespeare-Filme der letzten Jahre (z.B. von Kenneth Branagh) unbemerkt vorbeigegangen zu sein. Nicht nur an der Kinokasse als auch bei den TV-Quoten konnte sich Shakespeare stets behaupten und läuft daher auch oft im Privatfernsehen. Qualität und Quote müssen sich halt nicht ausschließen. Umgekehrt wird aber kein Schuh daraus.


Ein Lehrstück für jeden Kommunikationsprofi, wie ich meine. Und amüsant dazu, auch wenn mancher Lacher eher im Halse stecken bleibt. Oder es besser sollte.




via Basic Thinking drauf aufmerksam geworden:

Die Wiso-Redaktion hat offenbar einen neuen Fall von Datendiebstahl entdeckt und daraufhin die Betroffenen per Massenmail angeschrieben: Ihre E-Mail-Adresse samt Passwort läge auf einem frei zugänglichen Server in China und sie sollten doch dringend mal schauen, wo sie diese Kombination vielleicht noch verwendet haben. Für weitere Infos mögen sie dann nächsten Montag Wiso schauen...

Über die Vorgehensweise von Wiso mag man streiten, aber viel interessanter scheint die daraufhin entbrannte Diskussion unter den Betroffenen, vor allem hier: Da wird in sehr schnellem Dialog (fast 300 Posts in 12 Stunden!) die mögliche Quelle ausgemacht. - Brisant: Die User verdächtigen überwiegend "eine der Big4 Wirtschaftsprüfungsgesellschaften mit drei Buchstaben", die Daten würden angeblich aus deren Bewerbermanagement stammen. - Autsch!

Spanndend dabei sind auch die Kommentare, in denen User gegen 21:40 Uhr berichten, man könne sich auf der Website der Firma nicht mehr für den Bewerbungsprozess registrieren. Das ist auch jetzt noch der Fall: Wartungsarbeiten.

Mindestens eine Pressestelle dürfte heute wohl alle Hände voll zu tun haben...

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Nachtrag:
Mittlerweile hat sich eben diese Pressestelle auch geäußert. Bleibt abzuwarten, ob die Opfer-Rolle durchzuhalten ist: Bei Basic Thinking ist von bis zu vier Jahre alten Bewerbungen die Rede, während PwC auf seiner eigenen Website schreibt: "5. Wir speichern personenbezogene Daten die Sie uns übermitteln nur so lange, wie sie benötigt werden, um die Zwecke zu erfüllen, zu denen diese Daten übermittelt wurden, oder solange dies von Gesetzes wegen vorgeschrieben ist."


Robert Amlung, Leiter des Bereichs für digitale Strategien des ZDF: "Wir sehen die Zeitungsverlage mehr und mehr als Wettbewerber. Wir leben davon, dass wir für das, was wir machen, Akzeptanz bekommen. Wenn wir dabei allein auf das klassische Bewegtbild setzen, dann haben wir mittelfristig verloren. Auch von Seiten der Verlage werden Grenzen überschritten, was die Demarkierung dieser Grenzen schwierig macht."
Tags: ZDF / Internet / Verlage


Ich habe ja vor einigen Monaten noch sehr kritisch das Thema IP-TV beäugt. Aber die Meldung, dass das ZDF bis Ende des Jahres 50% seiner Inhalte auch im Netz anbieten will, hat mich schon verblüfft. Auch Spiegel online, n-tv und andere Online Auftritte bieten immer mehr Video-Inhalte an. Wird wohl langsam Zeit, dass ich mir einen Multimedia-PC für mein Wohnzimmer besorge.

P.S.: Auch für unsere TV-Beobachtung ist das natürlich relevant: Liefern wir bald statt Mitschnitten nur noch Links auf die Inhalte? Unsere Kunden würde es freuen, für die hat sich dann die GEZ Gebühr für den PC echt gelohnt!