Holtzbrinck


Gestern früh ging's los, nach wochenlangen Spekulationen: ein jugendliches, buntes, bildlastiges Holtzbrinck-News-Portal der angeblich nächsten Generation – kompromisslos interaktiv, personalisiert, transparent. Doch die ersten Reaktionen aus den anderen Verlagshäusern sind durchwachsen:

Springer und Spiegel wetzen erwartungsgemäß schon mal die Messer der Schadenfreue: Die WELT online sieht Mitherausgeber Uli Wickert „auf Abwegen“ und vermisst sehnlichst die klasische Ressortstruktur. Kritisiert wird ein „heilloses Durcheinander der Webseite“, und dann gibt es noch einen hämischen Seitenhieb auf tagesspiegel.de („mit monatlich 8,7 Millionen Seitenabrufen eine der erfolglosesten Nachrichtenseiten im Internet“). Auch die bei StudiVZ erlittenen Lehren in punkto Datenschutz drohten sich laut WELT bei ZOOMER zu wiederholen.
SPIEGEL online spricht von einer „Zumutung“ und mutmaßt gar, die Redaktion „mogele“ bei der vermeintlich nutzer-generierten Nachrichtenauswahl, die natürlich bei weitem nicht so neu ist wie behauptet (z.B. http://www.shortnews.com, gestartet in den 90-ern, soweit ich mich erinnere). Ist die SPIEGEL-Sorge um die Medienkompetenz der jungen Leute berechtigt („Erst wird gequasselt, dann recherchiert, wenn den Diskutanten die Argumente ausgehen.“)? Wird das User-Ranking zwangsläufig ZOOMER zu einem Boulevardmedium machen? Ein triftiges Argument dafür wäre die vergleichweise starke Nutzung audiovisueller Formate (SPIEGEL online: „Erwin Huber hat da wohl schlechtere Chancen als Hilton.“). Dagegen spricht, dass sich auch an Tag 2 noch immer Themen wie Transparency International oder der Plagiatsprozess um „Tannöd“ auf der Startseite finden. Auch das Special zum US-Online-Wahlkampf macht wirklich etwas her, zumindest als „Linkliste“. Auch die Kommentare sollte man nicht kategorisch abschreiben. Oder ist das hier etwa looser-generated content: „...ob Kuba es nun schafft, einen sozialistischen Weg zur Demokratie einzuschlagen. Bisher sind alle versuche dieser Art gescheitert...“ (Nutzerprofil "sid", 22 Jahre).

FOCUS online rezensiert deutlich sachlicher, aber kaum weniger kritisch. Spannend hier vor allem der Verweis auf das (ebenfalls zu Holtzbrinck gehörende) Nachrichten-Metaportal "Webnews" -– sozusagen Konkurrenz im eigenen Haus.

Ganz und gar positiv gibt sich (wiederum erwartungsgemäß) der Tagesspiegel auf seiner gestrigen Medien-Seite (gelesen auf Papier, aber hier auch online). Da wird die direkte Verwandtschaft, ja redaktionelle Nähe, zum neuen Holtzbrinck-Baby zugegebenermaßen sehr deutlich.

So knapp wie nur irgend möglich vermeldet die netzeitung die Geburt vom Montag. Obwohl die NZ ja wohl in einer anderen Liga und für eine andere Zielgruppe spielt; dort sollte man also eigentlich sehr entspannt sein können. Seltsam!

Alles also nur ein Experiment? Zumindest zwonullisiert die Nachrichtenwelt schon soweit, dass ZOOMER-Geschäftsführer Peter Naumann (mit szene-affiner, opportunistischer Verweigerung der Groß- und Kleinschreibung) heftigst mit seinem SPIEGEL-Kritiker Frank Patalong via Kommentarfunktion eine Debatte im Web austrägt.

Sogar die TAZ findet den Tonfall bei ZOOMER „kumpelhaft“. Alles nur aufgesetzt oder aber endlich zielgruppengerecht? Nachrichtenköder für junge Newsverweigerer? Sozusagen aus der medienpädagogischen Ecke? Immerhin halten junge Amerikaner mehr von den „Online-Nachrichtenquellen“ YouTube oder MySpace als von NY Times, BBC und Washington Post zusammen (s. Spiegel online)!

w&v stellt sich natürlich die Media-Frage und zitiert Naumann mit dem Eingeständnis, ZOOMER werde definitiv „keine Cash-Cow“ für den Verlag. Vermarktet wird das neue Portal von „allesklar“ aus Siegburg (Dr. Stegger und Gattin).


Mit dem Kauf von StudiVZ macht die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck einen Sprung ins Richtung Web 2.0. Die hauseigene Holtzbrink Ventures war schon seit August 2006 einer der Gesellschafter. Mit dem Kauf stärkt die Verlagsgruppe ihre Online-Kompetenz - und treibt das voran, was die F.A.Z. heute "die neue Internetwelle" nennt.

Derzeit scheinen sich die großen Verlagshäuser aber noch schwer damit zu tun, eigene Web 2.0-Strategien inhaus zu entwickeln. Das zeigt ein Ergebnis der Studie "Deutschland Online 4" von Professor Bernd Wirtz, die die T-Com mit iniitiert hat: Für die Untersuchung wurden Social Web-Experten befragt, wie gut die klassischen Medienunternehmen inzwischen auf den konvergenzbasierten Wettbewerb vorbereitet sind.



Studienautor Prof. Bernd Wirtz fasst zusammen: "...es scheint, dass die Medienunternehmen die Herausforderungen der Branchenkonvergenz noch nicht wirklich angenommen haben. Die größten Herausforderungen liegen nach Ansicht der Social Web-Experten in vier Bereichen: Die erste Herausforderung stellt der Transfer von Inhalten ins Internet dar. Zweitens müssen insbesondere klassische Erlösmodelle des Verlagswesens überprüft und angepasst werden, um etwa der Abwanderung von Werbung ins Internet zu begegnen. Drittens müssen Offline-Inhalte in zunehmendem Maße in den Online-Bereich integriert beziehungsweise mit multimedialen Komponenten angereichert werden, um ihre Reichweite zu erhalten. (...) Aber auch die Integration von User-generated Content - etwa Blogs - stellt eine zentrale Herausforderung für die Medienunternehmen dar."

Mehr zu den aktuellen Trends und Planungen in den Verlagen rund um den digitalen Lebenswandel werden wir vermutlich in zwei Wochen erfahren - beim "DLD 2007" von Hubert Burda Media, wo wieder rund 500 Experten in die digitale Zukunft blicken werden.