02.11.2007: Günthers letzte Fahrt
Von: Sebastian Vesper
Das Gericht in Chemnitz hat heute entschieden, dass die Lokführergewerkschaft auch den Güter- und Fernverkehr bestreiken darf. Meine persönliche Geschichte des Tages hat auch mit Lokführern zu tun. Sie handelt allerdings nicht von kommunikativer Strategie und kalkuliertem Image. Sondern von kollektiver Romantik und von persönlicher Identifikation. Es ist eine Mikro-Geschichte, die das Makro-Thema Bahn (Privatisierung, Teilprivatisierung, Streik... etc.) nicht erklären kann. Aber illustrieren und vielleicht ergänzen. Die Geschichte trug sich heute früh um kurz vor acht zu, auf einem Bahnhof. Es war Günthers letzte Fahrt.
Mit lautem Quietschen bremst die Regionalbahn, bis sie zum Stillstand gekommen ist. Ich stehe auf Gleis 14, nippe an meinem fluffigen 2,60-Euro-Milchkaffee und denke über die wackeren Pendler nach, die Sekunden später mit fahlen Morgengesichtern aus dem Zug quillen – wie jeden Tag um diese Zeit. „Meine Damen und Herren, willkommen in Hamburg Hauptbahnhof. Ihre nächsten Reisemöglichkeiten...“ Bahnhofsgeräusche eben. Irgendwie schön, denke ich, dass die Bahnhofansagerstimme in meiner Stadt noch von einem Menschen und nicht aus dem Computer kommt. Dann dies: „Meine Damen und Herren“, schallt es durch das Freitagmorgengewimmel in der riesigen, freitragenden Halle, „unser Lokführer Günther Sowieso (Nachname entfallen und auch egal; Anm. des Autors) hat mit dieser Fahrt seinen Ruhestand erreicht. Wir bedanken uns bei ihm und wünschen allen seinen Fahrgästen noch eine angenehme Weiterreise und einen schönen Tag.“
Wie aufmerksam, denke ich und nippe an dem kostbaren Pappbecher. Ob die Bahn-Leute das bei jedem so machen? Aber es geht weiter. Ein Bahn-Mitarbeiter ergreift erneut das Bahnhofshallenmikrofon und verkündet: „Werte Fahrgäste, wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit! Unser Kollege Günther Sowieso geht heute nach 35 Dienstjahren bei der Bahn in den wohl verdienten Ruhestand. Lieber Günther, wir wünschen Dir viel Spaß mit Deiner neu gewonnenen Freiheit und alles Gute. Auf Wiedersehen.“
Ich weiß nicht, ob Günther, der Lokführer, um den es geht, nett ist oder intrigant, fleißig oder faul, intelligent oder dumm. Aber so langsam kriege ich Gänsehaut.
Günther klettert aus seiner feuerroten Allerwelts-Regionalzug-Lok. Nicht weniger als ein Dutzend Kollegen stehen auf dem Bahnsteig und begrüßen ihn mit roten Rosen. Sie behängen den frisch gebackenen Pensionär mit einem für meine Begriffe eher albernen Sandwich-Transparent, auf dem so etwas wie „Papa geht in Rente“ oder so ähnlich prangt. Im Blitzlichtgewitter schließt Günther die Tür seiner roten Allerwelts-Regionalzug-Lok ab. Ein letztes Mal. Gewissenhaft. Würdevoll. Vermutlich erleichtert. Vielleicht auch voller Unsicherheit darüber, was jetzt werden wird, wer weiß. Heute früh, um kurz vor acht. Eine bewegende Szene auf dem überfüllten Bahngleis, zwischen übermüdeten Geschäftsreisenden wie mir und namenlosen, fahlgesichtigen Pendlern. Und mittendrin Günther, glücklich nach seiner letzten Fahrt. Für ihn ist es ein besonderer Morgen, ein besonderer Tag.
Zur Bahn hat jeder eine Meinung. Eine Organisation, die so gern ein börsennotierter Konzern wie jeder andere wäre, in Wahrheit aber nichts anderes ist als Deutschland im Kleinen: ingenieurgetrieben, pluralistisch-komplex, politisch blockiert. Voller Hoffnung, voller Tragik. Ich habe mir von besonnenen Kommunikationsmanagern, die für die Bahn arbeiten, erzählen lassen, dass sie niemals zuvor ein Unternehmen erlebt hätten, dessen Mitarbeiter sich derart mit der Organisation, mit ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihrer spezifischen Verfasstheit identifiziert hätten. Auf nicht wenigen Sekretärinnen-Schreibtischen im Bahn-Tower am Potsdamer Platz sollen Fotos des Unternehmenschefs Hartmut Mehdorn stehen, liebevoll in kleine Bilderrahmen ikonographiert. Vermutlich, so sagte mir kürzlich eine PR-Kraft aus dem Bahn-Tower, wisse Mehdorn das gar nicht, würde sich aber sehr darüber freuen, wenn er es wüsste.
Auch mein Held des heutigen Tages wird seine Meinung über die Konzernführung haben. Ob der Lokführer Günther gelesen hat, was die vielen klugen Kommentatoren heute, an seinem letzten Arbeitstag nach 35 Dienstjahren, über den Lokführerstreik, die GDL und ein Chemnitzer Gerichtsurteil vielfältig und vieldeutig in Druckerschwärze und Pixel gepresst haben? Vermutlich nicht. Günther, so viel habe ich heute beim Umtrunk zwischen den Gleisen über ihn gelernt, ist einfach „Bahner“. Seit 35 Jahren. Und damit, nach beobachterischem Ermessen, der loyalste Mitarbeiter, den sich ein Unternehmen, ob im Umbruch oder nicht, nur wünschen kann.
Es ist kurz nach acht, als die Regionalbahn ihren Rückweg in die Provinz antritt. Günther, so vermute ich, wird jetzt mit seinen Kumpels einen trinken gehen. Verdient hat er es. Der Pensionär zwinkert mir zu. „Alles Gute“, sage ich und nippe, den Tränen nahe, an meinem beinahe leeren Pappbecher. „Danke“, ruft mir Günther zu. Der Mann wirkt gelöst und glücklich. Ein Leben lang wird er „Bahner“ bleiben.
Der Zug verlässt den Hauptbahnhof pünktlich. Am Steuerknüppel sitzt jetzt ein anderer Lokführer. Die feuerrote Lok ist nun nicht mehr der Anfang, sondern das Ende des Zuges, Günthers Führerstand ist damit bedeutungslos geworden. Bis zum nächsten Richtungswechsel. Aber keiner hat das Schild entfernt, das an diesem denkwürdigen Morgen die rote Allerwelts-Regionalzug-Lok ziert und dem der Pensionär mit dem weißen Rauschebart ein bisschen melancholisch nachwinkt.
Auf dem Schild steht: Günthers letzte Fahrt.
Mit lautem Quietschen bremst die Regionalbahn, bis sie zum Stillstand gekommen ist. Ich stehe auf Gleis 14, nippe an meinem fluffigen 2,60-Euro-Milchkaffee und denke über die wackeren Pendler nach, die Sekunden später mit fahlen Morgengesichtern aus dem Zug quillen – wie jeden Tag um diese Zeit. „Meine Damen und Herren, willkommen in Hamburg Hauptbahnhof. Ihre nächsten Reisemöglichkeiten...“ Bahnhofsgeräusche eben. Irgendwie schön, denke ich, dass die Bahnhofansagerstimme in meiner Stadt noch von einem Menschen und nicht aus dem Computer kommt. Dann dies: „Meine Damen und Herren“, schallt es durch das Freitagmorgengewimmel in der riesigen, freitragenden Halle, „unser Lokführer Günther Sowieso (Nachname entfallen und auch egal; Anm. des Autors) hat mit dieser Fahrt seinen Ruhestand erreicht. Wir bedanken uns bei ihm und wünschen allen seinen Fahrgästen noch eine angenehme Weiterreise und einen schönen Tag.“
Wie aufmerksam, denke ich und nippe an dem kostbaren Pappbecher. Ob die Bahn-Leute das bei jedem so machen? Aber es geht weiter. Ein Bahn-Mitarbeiter ergreift erneut das Bahnhofshallenmikrofon und verkündet: „Werte Fahrgäste, wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit! Unser Kollege Günther Sowieso geht heute nach 35 Dienstjahren bei der Bahn in den wohl verdienten Ruhestand. Lieber Günther, wir wünschen Dir viel Spaß mit Deiner neu gewonnenen Freiheit und alles Gute. Auf Wiedersehen.“
Ich weiß nicht, ob Günther, der Lokführer, um den es geht, nett ist oder intrigant, fleißig oder faul, intelligent oder dumm. Aber so langsam kriege ich Gänsehaut.
Günther klettert aus seiner feuerroten Allerwelts-Regionalzug-Lok. Nicht weniger als ein Dutzend Kollegen stehen auf dem Bahnsteig und begrüßen ihn mit roten Rosen. Sie behängen den frisch gebackenen Pensionär mit einem für meine Begriffe eher albernen Sandwich-Transparent, auf dem so etwas wie „Papa geht in Rente“ oder so ähnlich prangt. Im Blitzlichtgewitter schließt Günther die Tür seiner roten Allerwelts-Regionalzug-Lok ab. Ein letztes Mal. Gewissenhaft. Würdevoll. Vermutlich erleichtert. Vielleicht auch voller Unsicherheit darüber, was jetzt werden wird, wer weiß. Heute früh, um kurz vor acht. Eine bewegende Szene auf dem überfüllten Bahngleis, zwischen übermüdeten Geschäftsreisenden wie mir und namenlosen, fahlgesichtigen Pendlern. Und mittendrin Günther, glücklich nach seiner letzten Fahrt. Für ihn ist es ein besonderer Morgen, ein besonderer Tag.
Zur Bahn hat jeder eine Meinung. Eine Organisation, die so gern ein börsennotierter Konzern wie jeder andere wäre, in Wahrheit aber nichts anderes ist als Deutschland im Kleinen: ingenieurgetrieben, pluralistisch-komplex, politisch blockiert. Voller Hoffnung, voller Tragik. Ich habe mir von besonnenen Kommunikationsmanagern, die für die Bahn arbeiten, erzählen lassen, dass sie niemals zuvor ein Unternehmen erlebt hätten, dessen Mitarbeiter sich derart mit der Organisation, mit ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihrer spezifischen Verfasstheit identifiziert hätten. Auf nicht wenigen Sekretärinnen-Schreibtischen im Bahn-Tower am Potsdamer Platz sollen Fotos des Unternehmenschefs Hartmut Mehdorn stehen, liebevoll in kleine Bilderrahmen ikonographiert. Vermutlich, so sagte mir kürzlich eine PR-Kraft aus dem Bahn-Tower, wisse Mehdorn das gar nicht, würde sich aber sehr darüber freuen, wenn er es wüsste.
Auch mein Held des heutigen Tages wird seine Meinung über die Konzernführung haben. Ob der Lokführer Günther gelesen hat, was die vielen klugen Kommentatoren heute, an seinem letzten Arbeitstag nach 35 Dienstjahren, über den Lokführerstreik, die GDL und ein Chemnitzer Gerichtsurteil vielfältig und vieldeutig in Druckerschwärze und Pixel gepresst haben? Vermutlich nicht. Günther, so viel habe ich heute beim Umtrunk zwischen den Gleisen über ihn gelernt, ist einfach „Bahner“. Seit 35 Jahren. Und damit, nach beobachterischem Ermessen, der loyalste Mitarbeiter, den sich ein Unternehmen, ob im Umbruch oder nicht, nur wünschen kann.
Es ist kurz nach acht, als die Regionalbahn ihren Rückweg in die Provinz antritt. Günther, so vermute ich, wird jetzt mit seinen Kumpels einen trinken gehen. Verdient hat er es. Der Pensionär zwinkert mir zu. „Alles Gute“, sage ich und nippe, den Tränen nahe, an meinem beinahe leeren Pappbecher. „Danke“, ruft mir Günther zu. Der Mann wirkt gelöst und glücklich. Ein Leben lang wird er „Bahner“ bleiben.
Der Zug verlässt den Hauptbahnhof pünktlich. Am Steuerknüppel sitzt jetzt ein anderer Lokführer. Die feuerrote Lok ist nun nicht mehr der Anfang, sondern das Ende des Zuges, Günthers Führerstand ist damit bedeutungslos geworden. Bis zum nächsten Richtungswechsel. Aber keiner hat das Schild entfernt, das an diesem denkwürdigen Morgen die rote Allerwelts-Regionalzug-Lok ziert und dem der Pensionär mit dem weißen Rauschebart ein bisschen melancholisch nachwinkt.
Auf dem Schild steht: Günthers letzte Fahrt.







Mit besten Grüßen für ein freundliches Wochenede
Petra Sammer