Oliver Schwartz

Kommunikationsberater für Unternehmer und Unternehmen

Als langjähriger Unternehmenssprecher und Leiter der Unternehmenskommunikation bei börsennotierten Aktiengesellschaften (ELSA AG, WEB.DE AG, ComBOTS AG), internationalen ...
Daniel Krolzig kommentierte hier letzten Montag zu Recht: Marcel Reich-Ranickis Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis ist in der Tat ein Lehrstück für Kommunikationsprofis. Ob geplant oder spontan - seine wie immer äußerst unterhaltsame Wortäußerung, je nach Blickwinkel zwischen überzogener Rundumattacke und verzweifelt bis verärgertem Hilfeschrei angesiedelt, hat nicht nur für Salz in der faden Eventsuppe der Preisverleihung gesorgt sondern auch für wundersame und wunderbare Reaktionen. Die Resonanz auf seine kritische Polemik zeigt drastisch wie unfähig die Medienprofis der Fernsehwelt samt ihrer omnipräsenten Mitläufer (B- & C-Promis, Comedians & weitere "Clowns" ...) sind, sich inhaltlich mit dem strapazierfähigen Begriff Qualität auseinanderzusetzen und eigene Positionen mit validen Argumenten zu kommunizieren.

Thomas Gottschalks routinierter Einsatz als reaktionsschneller Gala-Moderator bescherte uns in Rekordzeit den öffentlich-rechtlichen Versuch "aus gegebenem Anlass" Marcel Reich-Ranicki eine Brücke zu bauen, in die heile Fernsehfamilie (der er nicht zuletzt seine Prominenz über das Feuilleton hinaus verdankt) zurückzukehren. Die am Freitag gesendete Aufzeichnung der Diskussion zwischen Ranicki und Gottschalk brachte zwar in der Sache keine neuen Erkenntnisse (außer dass MRR anscheinend Fernsehköche genauso überflüssig findet wie Comedians: "Das Kochen. Oh Gott, Oh Gott!"), zeigte aber deutlich dass Gottschalk für die selbst eingebrockte Aufgabe des Chef-PR-Vertreters des ZDFs trotz sichtlicher Vorbereitung und trotz dem Sicherheitspuffer einer Aufzeichnung mehr als ungeeignet ist. Eine der wichtigsten Grundsätze der PR -die "Glaubwürdigkeit"- blieb durchgehend auf der Strecke als Gottschalk immer wieder das Diktat der Quote beschwörte und versuchte einen Qualitätsgraben zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendern so tief zu ziehen als ob er im fernen Amerika die krampfhaften Versuche von ARD & ZDF nicht mitbekommen hat, "privater" als die Privaten zu werden.

Während auch Marcel Reich-Ranicki nicht in der Laune oder Lage war seine Pauschalkritik zu differenzieren so sei es ihm aber gedankt, dass er der Versuchung Gottschalks widerstanden hat den aus seiner Sicht erbärmlich schlechten Fernsehbetrieb in das Lager der "Guten" (gebührenfinanziertes, öffentlich-rechtliches Qualitätsfernehen wie "Das Musikhotel am Wolfgangsee", "Waldis WM-Club", "Rosamunde Pilcher" oder "Wege zum Glück", Volksmusik & Co. etc.) und der "Bösen" (werbefinanzierte Kulturbeiträge von "Dschungel-Show" über "DSDS" bis hin zu "Schlag den Raab", "Frauen-Tausch" und Comedy, Comedy, Comedy...) einzuteilen. Gut so, denn die Zeiten sind längst vorbei. Qualität ist so jedenfalls nicht definierbar. Gottschalk weiß das natürlich, argumentiert aber genauso oberflächlich wie manche der gescholtenen Intendanten.

"Ich nehme diesen Preis nicht an!". Besser hätte man eine Diskussion über den "TV-Schwachsinn" nicht platzieren können. Aus PR-Gesichtspunkten fast schon ein Wunder, dass Ranicki nicht pünktlich zur Buchmesse ein entsprechendes Druckwerk veröffentlicht hat. Das Timing hätte perfekt gepasst. Nein, sein Unmut hat sich wohl wirklich während der stundenlangen Aufzeichnung der Fernsehpreis-Gala stetig gesteigert. Während in den ersten Reaktionen noch viele relevante oder irrevelante Kommentatoren Solidarität mit MMR zeigten, wird nun die Kritik lauter. Im Spiegel kritisieren nun immer mehr Beteiligte das Ranicki als Meister der trivialen, telegenen Literaturkritik und Teil des TV-Establishments zu überheblich über etwas urteilt, dessen Teil er ist und das er augenscheinlich gar nicht richtig kenne. Gerhard Zeiler nennt Reich-Ranicki "irrelevant" und kritisiert das Fingerpointing von seiner WDR-Kollegin Monika Piel. RTL war letzte Woche bereits zweimal zur exklusiven Interview-Audienz bei Ranicki und mittlerweile hat von Veronika Ferres, über die um sich schlagende Elke Heidenreich bis hin zu Thea Gottschalk jeder seine Meinung in irgendeine Kamera posaunen können. Im Internet finden sich diverseste gekürzte, ungekürzte und wirklich ungekürzte Fassungen von MMRs Gala-Auftritt. Während auf der Diskussionsseite alle Parteien die Chance vertan haben ihre Positionen mit Argumenten und Fakten zu unterstützen so bleibt der eine -eingangs zitierte- Satz erhalten. Und da das gescholtene Fernsehen ja so schön berechenbar ist können wir schon jetzt davon ausgehen, dass bei allen Jahres-Rückblicken der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender dieser Ausschnitt nicht fehlen wird. Vielleicht macht Stefan Raab ja noch einen Hit daraus. Ein Satz genügt ihm ja bekanntlich dazu.

Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki konnten sich am Freitag zumindest darauf einigen, dass die vom ZDF ausgerichtete Gala nicht optimal gelungen war. Naja, Ranickis Wortwahl "es war schrecklich" trifft es wohl eher. Zu viel Clownerie auf der Bühne. Irgendwie ist gerade diese Gala eigentlich wirklich gut geeignet um die Diskussion etwas zu versachlichen. Diese Fernsehpreis-Gala zeigte das ganze Spektrum des deutschen Fernsehens mit seinen Highlights und seinem Schwachsinn in einer tausendmal gesehenen Inszenierung, die man ohne weiteres mit dem anstehenden "Deutschen Comedy-Preis" (Gleiches Studio, gleiche Comedians, gleiche ...) verwechseln könnte. Die Quoten- und Massentauglichkeit der TV-Übertragung ist sogar hier wichtiger als als die eigentliche Preisverleihung. Warum sollte es gerade beim Fernsehpreis auch anders sein, wenn Gottschalk behauptet dass die Quote auch im gebührenfinanzierten Programm alles bestimmt? Nun, das ist ja irgendwie der Kern des Problemes: Das Privatfernsehen hat uns viele echte Innovationen, mehr Vielfalt und in diesem Zuge je nach Sichtweise auch verdammt viel Schwachsinn gebracht. Hier regelt der Zuschauerzuspruch die Werbefinanzierung und damit die Programmierung. Und dennoch leisten sich auch RTL & Co. journalistische Inhalte und ab und zu Formate, die aus der boulevardesken Masse herausstechen. Im Kern ist aber der Zuschauergeschmack ein wichtiges Kriterium. Und da dieser nicht einheitlich ist, haben wir durchaus eine hohe Programmvielfalt. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben -etwas zugespitzt formuliert- nahezu reflexartig jedes innovative und auch jedes schlechte Format der Privaten kopiert und übertreiben dabei sowohl in dem Versuch in einem "Kessel Buntes" möglichst alle Geschmäcker und Zielgruppen abzudecken als auch in der fast noch stärkeren Quotenorientierung.

Die Gebührenfinanzierung von ARD, ZDF & Co. wurde ja früher immer mit einem "Programmauftrag" argumentiert, später mit dem Qualitätsargument gegen die neuen arg bunten Privatprogramme. Heute wird die Argumentation auf den Kopf gestellt: Da man ja von allen Zuschauern Gebühren erhielte müsste man auch für jeden dieser Gebührenzahler etwas bieten. Das wäre so, wie wenn steuerfinanzierte Theater- sowie Opern- und Konzerthäuser in Zukunft mit demselben Argument auf Comedy, Kabarett, Casting-Wettbewerbe und Volksmusik umsatteln würden. Die vielbeschworene journalistische Qualität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und seine Kultur- und Bildungsformate scheinen nicht für genug Rückrat in der Gebühren-Diskussion herzuhalten. Da alle Fernsehmacher Ihren Zuschauern generell eine Dauersucht nach Show, Talk, Soap und Comedy unterstellen und im Gegenzug Information und Kultur nur in verdaubaren Happen zugemutet werden kann, braucht sich keiner wundern wenn auch bei ARD & ZDF die nach wie vor vorhandenen Highlights in der Masse der austauschbaren Formate leicht untergehen. Statt immer mehr digitale Kanäle zu gründen wäre es für die öffentlich-rechtlichen Sender vielleicht wirklich eine gute Idee sich wieder ein echtes Qualitätsprofil (und damit eine echte zukunftssichere Position im Gebührenstreit) zuzulegen. Qualität bedeutet ja nicht automatisch dröges Bildungs- und Minderheitenfernsehen. Qualität heißt auch Innovation und Unverwechselbarkeit. Hier ist mehr Mut gefordert, zudem gerade solche Formate deutlich geringere Produktionskosten haben als teure Shows und überbezahlte Sportrechte.

Ein ganz pfiffiges Argument von Thomas Gottschalk hat Marcel Reich-Ranicki ins Leere laufen lassen: Den Vergleich mit der Buchbranche, die neben Qualitätsliteratur enorm viele überflüssige aber auflagenstarke Ratgeber etc. hervorbringt. Das seien keine Bücher, mit denen er sich beschäftigt sagt der zornige Kritiker. Ein solch selektiver Blick ließe aber auch unsere deutsche Fernsehlandschaft besser darstehen. Denn mit ein wenig Suche in der Sendervielfalt finden sich über alle Kanäle hinweg für jeden Anspruch genug Highlights und Programminhalte, die im internationalen Vergleich immer noch beglücken. Diese Suche wird aber erschwert durch das lautstarke, schrille Drumherum und die durchaus geschickten Versuche Zuschauer nicht für einen bestimmten Programmpunkt zu interessieren sondern an einen Sender zu gewöhnen und zu binden. Gottschalks Seitenhieb auf das Internet geht insofern auch ins Leere, denn zwischen Milliarden persönlich irrelevanter Seiten finden sich in Sekundenschnelle extrem relevante und hilfreiche Informationen. Ein non-linearer Programm-Zugriff ist insofern auch für das TV-on-demand der Zukunft reizvoll. Aber wenn wir ehrlich sind: Gerade die "Live"-Programmierung und die Vergänglichkeit des Gesendeten machen das Fernsehen so interessant. Und auch der Wutausbruch von Marcel-Reich Ranicki wäre "live" noch wirkungsvoller gewesen als die nachbearbeitete "live-on-tape" Aufzeichnung.

Zum guten Schluss: Atze Schröder mit Helge Schneider zu verwechseln kann passieren. Aus Ranickis Sicht dürfte das in der schrecklichen Warnehmung des monierten TV-Schwachsinns kaum einen Unterschied machen. Ebensowenig das Argument, dass viele TV-Clowns durchaus gebildet sein sollen. Können die halt gut verstecken. Auch die endlosen Fernsehköche, Talkmaster, Casting-Formate usw. dürfte Reich-Ranickis wohl eher ganzheitlich als für ihn unangenehm warnehmen. Die Forderung nach Shakespeare im Fernsehen ist aber schon sehr amüsant: Sowohl an MMR als auch an Gottschalk scheinen die zahlreichen hervorragenden Shakespeare-Filme der letzten Jahre (z.B. von Kenneth Branagh) unbemerkt vorbeigegangen zu sein. Nicht nur an der Kinokasse als auch bei den TV-Quoten konnte sich Shakespeare stets behaupten und läuft daher auch oft im Privatfernsehen. Qualität und Quote müssen sich halt nicht ausschließen. Umgekehrt wird aber kein Schuh daraus.


31.05.2008: One night in Treysa

"Was machen denn die ganzen Leute hier?" fragt der Stammgast in der Trattoria "Nuovo Portofino" in Treysa etwas irritiert. Der kalabrische Kellner weiß Bescheid: "Die sind mit der Bahn gekommen!". Na ja, so kann man es auch nennen. Kurze Rückblende: Der IC 2377 von Stralsund in Richtung Karlsruhe hatte schon ab Hamburg mit Problemen zu kämpfen. Mit der Tür am Wagen 7. Eine große Herausforderung für den Zugchef, vergleichsweise harmlose Vorboten für das wetterbedingte Chaos, das Hunderten Bahnreisenden wieder dankbaren Party-Gesprächsstoff über die organisatorischen Unzulänglichkeiten der Bahn liefern wird und mir interessante Einblicke in das Kommunikationsverhalten der Mitreisenden und Bahnbediensteten.


Mit einem "Nein" macht man sich bekanntlich nicht gerade beliebt. Weder als Vorgesetzter bei seinen Mitarbeitern, als Behörde bei den Bürgern, als freidenkender Politiker innerhalb seiner Fraktion, als Angebetete beim balzenden Verehrer, als Kundenservice beim service- und kulanzsuchenden Kunden, als Eltern bei ihrem Nachwuchs ... - ein "Nein" ist niemals einfach, sondern eine echte kommunikative Herausforderung.

Googelt man zum Thema reicht das Spektrum der Beiträge von den üblichen negativen Standortbestimmungen Deutschlands als Land der "Nein-Sager" bis hin zu nicht minder obligatorischen Ratgebern in Mädchen- und Frauenmedien, doch mal öfter "Nein" zu sagen und es nicht immer allen Recht machen zu wollen. Schaut man über den europäischen Tellerrand findet man schnell Länder- und Kulturen in denen ein hartes "Nein" mit allen diplomatischen und rhetorischen Mitteln vermieden wird.

Wie komme ich überhaupt auf dieses Thema? Zum einen kennen wir als PR-Profis die tägliche Situation: Als Pressesprecher muss man auch "Nein Sagen" können - beratend gegenüber dem eigenen Vorstand, diplomatisch gegenüber Medienanfragen nach Statements. Hinzu kommt die Flut an Sponsoringanfragen, die besonders gerne an Presseabteilungen gesendet werden, und der Absage bedürftige Vorstands- oder Unternehmensvorgänge, die auch auf Umwegen zielstrebig ihren Weg auf den Schreibtisch der PR-Leute gefunden haben. Jetzt haben sich zwei Münchner Marketiers dem Thema "Nein Sagen" und Absagemanagement im Unternehmen angenommen und mich mit ihrer relativ neuen Webseite zu diesen Zeilen veranlasst.

Eigentlich sollte man ja meinen, dass jedes größere Unternehmen ein professionelles Absagemanagement betreibt. Die Realität sieht aber natürlich anders aus. Absagen an Bewerber, Kunden, Aktionäre und Multiplikatoren erfordern weit mehr als ein Formschreiben oder eine Textverarbeitung mit Formulierungs-Bausteinen. Es gilt gesetzliche Regelungen zu beachten. Es gilt dem Absageempfänger mit einem individuellen Schreiben trotz eines "Nein" die Wertschätzung auszudrücken. Und: Es geht darum dem eigenen Unternehmen viel Geld zu sparen. Denn ein gut organisiertes Absagemanagement schafft Luft für das eigentliche, wesentliche Geschäft. Wer jetzt sagt "Klar, ist doch eine betriebswirtschaftliche Binsenweißheit!" sollte noch ein zweites Mal im eigenen Unternehmen hinsehen. Die Münchner NeinSager Fischer & Gebert konnten in den letzten Wochen bereits zwei namhafte Konzerne überzeugen, die ein nicht unerhebliches Einsparpotenzial ausgemacht haben.

Mein Eindruck: Ein altes Thema, das trotz aller modernen Kommunikationswege stets aktuell bleibt. Denn es geht um Kommunikation. Bekanntlich eine der spannendsten, faszinierendsten und schwierigsten Disziplinen. Warum nicht als PR-Fachmann das Thema Absagemanagement proaktiv anschieben? Den Vorstand, Controller und andere betroffenen Abteilungen (HR, Customer Care ...) sollte es freuen und auch unsere Arbeit macht es einfacher. Denn schlecht gemachte Absagen können dem Image und der öffentlichen Wahrnehmung von Unternehmen gehörig schaden und für Negativ-PR sorgen.